Großeltern

Unser kleiner Mann ist gerade mal dreieinhalb Monate alt und schon jetzt musste ich mehrfach die Ellenbogen ausstrecken, um mich zu behaupten. Einfach jeder weiß alles besser und kommt mit ungebetenen Ratschlägen daher.

Ungebetene Ratschläge schon während der Schwangerschaft

Es kam mir manchmal vor, als hätte ich ein Shirt an, auf dem in Großbuchstaben H I L F E steht! Man verkündet freudig, dass man Nachwuchs erwartet und hoffte einfach das andere sich mit uns freuen. Nichts da, man wird direkt gefragt, ob man unter Übelkeit leidet. Wenn man dies verneint, bekommt man trotzdem ganz genau erklärt wie man sich im Fall von Übelkeit während der Schwangerschaft verhalten soll, wie es früher war und das es ganz normal ist. In dem Moment wollte ich sowas aber einfach nicht hören! Ich war froh, dass ich nicht davon betroffen war und hoffte natürlich, es würde so bleiben. Ich hatte andere Dinge im Kopf, wollte mich nicht mit diesen Ratschlägen rumschlagen und dann auch noch nett dabei bleiben. Auch später, immer und immer wieder kamen diese ungebetenen Ratschläge, sei es, wie viel oder wenig ich essen soll und vor allem was, oder wie ich mein Baby animieren kann, sich von der Beckenendlage in die Schädellage zu drehen.

Wer mich kennt, sollte doch eigentlich wissen, dass ich in solchen Fällen sofort anfange zu recherchieren, um das bestmögliche für mein noch ungeborenes Kind zu tun.

Hier hieß es für mich nur noch nicken und lächeln, meinen Teil kann ich mir ja denken. Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon mehrfach gesagt habe, mich selbst zu informieren und dies einfach überhört wurde. Ich habe eine wirklich gute Frauenärztin und auch eine top Hebamme, die mich immer unterstützen. Es bringt nichts, ich frage mich bloß, warum sie das tun. Von anderen Schwangeren habe ich aber ähnliches gehört, besonders Frauen die schon Kinder haben, können besonders gut diese Ratschläge geben, die wirklich keiner hören will. Vielleicht möchten sie damit irgendetwas kompensieren, es ist schwer zu sagen.

Jede Schwangere will und wird ihren eigenen Weg gehen, egal wer mit diesen Tipps um die Ecke kommt, es ist einer schwangeren Frau schlichtweg egal. Das ist auch gut so, denn jede Frau ist anders und auch jedes Kind wird seinen eigenen Weg gehen. Wenn man Hilfe braucht, wird man schon fragen.

Die Sache mit den Ratschlägen hörte natürlich nicht mit der Geburt auf

Wie eingangs erwähnt, ist unser Baby inzwischen dreieinhalb Monate alt. Er wächst und gedeiht prächtig, nimmt ordentlich zu und ist einfach ein fröhliches Kerlchen.

Noch im Wochenbett lief alles super, hier hat keiner irgendwelche komischen Ratschläge und Sprüche rausgelassen. Vielleicht habe ich es auch einfach nicht bemerkt, da ich so sehr mit dem Baby beschäftigt war. Wie dem auch sei, es ließ nicht lange auf sich warten und es ging los:

            „Lass ihn doch mal schreien, das ist gut für die Lungen.“

            „Lauf nicht immer direkt hin, sonst hängt er dir die nächsten Jahre am Rockzipfel!“

            „Du musst ihm doch zwischendurch mal Wasser geben, der hat doch Durst!“

            „Nur weil er nörgelt, brauchst du nicht ständig die Windel wechseln!“

            „Babys können auch mal auf der Seite schlafen, du kannst ihn doch nicht nur auf dem   Rücken liegen lassen!“

            „Gib ihn auch mal aus der Hand, dann hast du mal einen Moment Ruhe!“

            „Warum bekommt er keine Zudecke, ein Schlafsack ist doch nicht so bequem!“

            „Nur einmal die Woche baden, das kannst du auch öfter machen!“

            „Ich würde ein Baby immer komplett eincremen!“

Natürlich alles gefolgt von: „Das habe ich früher so gemacht!“ und „Den Tipp habe ich schon von meiner Mutter bekommen!“ usw.

Natürlich ist alles gut gemeint, das weiß ich auch. Allerdings kann so etwas auch völlig ausarten.

Ein Beispiel dafür ist, dass Neugeborene den Moro-Reflex haben. Dieser ist ganz einfach eine primitive Schreckreaktion von Babys, bei der sie die Arme und Beine von sich weg strecken und schließlich wieder an sich heranziehen. Dieser Reflex war früher einmal überlebenswichtig, denn dadurch wurde ein herunterfallen von der Mutter durch festklammern verhindert. Der Moro-Reflex bildet sich bereits früh im Mutterleib und verschwindet nach den ersten vier Lebensmonaten. Man sollte annehmen, dass eine Frau die schon Kinder hat diesen kennt. Nein, wir hatten Besuch von einer mehrfach-Mutter. Unser Sohn war von der Situation vielleicht ein wenig überfordert. Denn egal wie man es seinem Besuch auch mitteilt, es wird laut gesprochen und das Baby wird immer und immer wieder vollgequatscht. Irgendwann zeigte sich der Reflex vermehrt und sie sagte uns, dass sie das so noch nie gesehen hätte und das es komisch wirkt. Sie wiederholte dies einfach immer wieder, sämtliche Erklärungsversuche stießen auf taube Ohren. Wir haben uns zunächst nichts dabei gedacht. Als sie ging, zeigte sich der Reflex noch einige Male. Sie hat uns so verunsichert, dass wir an einem Samstagabend den Kinderarzt unter seiner Privatnummer angerufen haben. Dieser konnte uns direkt beruhigen und auch bestätigen, dass es sich wie vermutet nur um den Moro-Reflex handelt. Dieser kann nämlich genau in solchen Situationen vorkommen und ist kein Grund zur Besorgnis, es ist einfach normal.

So etwas muss ja nun wirklich nicht sein, durch diese ungebetenen Meinungen und Ratschläge kann man sich schnell verunsichern lassen. Natürlich war das nur gut gemeint, aber sollte man als erfahrene Mama nicht wissen was das ist? Man könnte schon fast behaupten, dass es Absicht war. Was ja noch schlimmer wäre.

Bislang bin ich immer gut damit gefahren, einfach auf meinen Instinkt zu vertrauen und mir war egal was andere sagen. Das werde ich auch weiterhin so machen, ich denke als Mutter und auch als Vater weiß man am besten was das Kind gerade braucht. Wir erleben ihn 24 Stunden täglich und kennen ihn und seine Bedürfnisse, wissen, was er wann braucht und kommen gut, sogar sehr gut durch den Alltag. Wir, genau wie andere noch unerfahrene Eltern brauchen diese Ratschläge nicht, sie verunsichern nicht selten, helfen keinem und manche Dinge, die vielleicht früher in Stein gemeißelt waren, haben sich einfach verändert.